Solidarität mit den protestierenden Menschen im Irak

Im Irak gibt es eine anhaltende Protestwelle, in der zunächst junge Ölarbeiter aus Basra angefangen haben, zu protestieren, um Arbeit für die lokale Bevölkerung zu fordern. Diese Protestwelle ist auch auf weitere, große Städte im Irak übergesprungen. Wie auch Human Rights Watchberichtet, wurden seit den im Juli anhaltenden Protesten friedliche DemonstrantInnen, unter anderem Kinder, angegriffen, verletzt, getötet und durch irakischen Sicherheitskräfte, paramilitärische Einheiten und Milizen der politischen Elite, festgenommen. Die DemonstrantInnen sind überwiegend junge Menschen, die weder einer zentralisierten Führung noch politischen Parteien unterstellt sind und dennoch klare Forderungen haben.

 

Die DemonstrantInnen fordern Grundrechte wie Zugang zu sauberem Wasser, Elektrizität, eine gute Gesundheitsversorgung und Arbeit. Diese Forderungen signalisieren den tiefen Wunsch nach menschlicher Würde und einem radikalen Wandel des politischen Systems im Irak. Nach den umstrittenen Wahlen im Mai, die von vielen IrakerInnen als reines Spektakel gesehen und von einer geringen Wahlbeteiligung gekennzeichnet waren, verweigern immer mehr IrakerInnen den etablierten Parteien ihre Zugehörigkeit. Obwohl Hauptadressat der Proteste die korrupte irakische Elite ist, ist es auch die Ablehnung eines von den USA, Großbritanniens und der internationalen Gemeinschaft verbreiteten Diskurses, der besagt, dass Demokratie im Irak erreicht wäre. Während es schon seit dem US Einmarsch von 2003 anhaltende Proteste gab, mit zentralen Momenten in 2011 und 2015, ist es wichtig anzuerkennen, dass IrakerInnen Freiheit und Würde auch während der Jahrzehnte von Krieg, Diktatur und Sanktionen, also sehr lange vor 2003 gefordert haben.

 

Für ein gerechtes Verständnis der Situation, ist es von zentraler Bedeutung, nicht nur die Brutalität des irakischen Staates und seiner Sicherheitskräfte zu verstehen, die mit Gewalt und einer Internetblockade auf die Proteste reagierten, sondern ebenfalls die Schuld und Komplizenschaft von regionalen und internationale Kräften zu sehen. Politische Akteure, wie die US-Administration, die besonders häufig über Iraks „Demokratie“ reden, stärken gleichzeitig die Militarisierung des irakischen Staates über einen aggressiven Polizeiapparat und Sondereinsatzkommandos zur Niederschlagung von Protesten. Sie leisten einen aktiven Beitrag zum Zerfall der irakischen Gesellschaft, indem sie den Zugang von IrakerInnen zu ihren eigenen natürlichen Ressourcen begrenzen und unterminieren.

In diesem Kontext ist die Erschießung von Jabbar Mohammed Karam al-Bahadli zu verstehen, der Anwalt in Basra war und verhafteten DemonstrantInnen, freien, kostenlosen Rechtsbeistand angeboten hat. Die gleichen, politischen Kräfte, die das Militär im Kampf gegen ISIS in Mosul unterstützten um Iraks Stabilität zu verteidigen, machen sich gleichzeitig mitschuldig an der gewaltsamen Unterdrückung der irakischen Gesellschaft.

 

Als Mitglieder des transnationalen, irakischen Kollektivs verurteilen wir die gewaltvollen Angriffe der irakischen Regierung gegen die DemonstrantInnen und das Schweigen der Regierung, wenn es darum geht, dass paramilitärische Gruppen und Milizen, Protestierende töten, verletzen und bedrohen.

Unter schwersten Bedingungen haben IrakerInnen schon seit Dekaden auf bewundernswerte Art und Weise Widerstand gegen Unterdrückung geleistet. Wir fordern nun, dass alle Verantwortlichen, sei es innerhalb oder außerhalb der irakischen Grenzen, zur Verantwortung gezogen werden, nicht nur für individuelle Attacken aber auch dafür, dass weiterhin Machtstrukturen und politische Entscheidungen getroffen werden, unter denen IrakerInnen fortwährend leiden. Wir stehen in Solidarität mit dem irakischen Volk.

 

We stand in solidarity with the resilient people of Iraq

Major, nationwide protests are currently raging throughout Iraq. Beginning in Basra among young oil workers demanding jobs for locals, the movement has spread to other major cities in Iraq. As reported by Human Rights Watch, during the protests, which began earlier in July, peaceful demonstrators, including children, have been targeted, killed, wounded, and arrested by Iraqi security forces, paramilitary forces and militias run by members of the political elite. Demonstrators are mainly young people, and while there are no centralized leader or political party affiliations, their demands are clear.

Protesters are calling for fundamental necessities like clean running water, electricity, healthcare, and jobs. However, they signal a deeper call for human dignity and for radical political change in Iraq. In the aftermath of the highly contested national elections this past May, which were criticized by many as a facade and marked by a low turnout at the polls, many Iraqis are refusing to adhere to political party affiliations. Although primarily targeting corrupt Iraqi officials and elites, Iraqis are decrying the discourse suggesting democracy has been achieved in Iraq, which was and continues to be touted by the United States, the United Kingdom, and the international community. While major, nationwide protests have taken place periodically since the 2003 invasion of Iraq, with notable upsurges in 2011 and 2015, it is also important to recognize that Iraqis have demanded their dignity and freedom during the decades of dictatorship, wars, and sanctions well before 2003.

In order for justice to be served, it is imperative to recognize the brutality not only of the corrupt Iraqi state and its attendant security forces and militias, which have met the protests with violence and an internet blackout, but also the culpability and complicity of regional and international actors. Political powers such as the US administration who champion Iraq’s “democracy” are simultaneously funneling resources into bolstering the militarization of the Iraqi state through anti-riot gear and aggressive police and SWAT forces. They are actively contributing to the disintegration of Iraqi society through campaigns eroding and limiting Iraq’s access to its own natural resources. It is within this context that crimes like the assassination of Jabbar Mohammed Karam al-Bahadli, a lawyer in Basra providing free legal support to detained protesters, are allowed to occur. The same political powers who supported the military forces leading the battle against ISIS in Mosul in the name of defending Iraq’s stability are simultaneously complicit in the violent oppression of Iraqi society.

As members of the Iraqi Transnational Collective, we strongly condemn the Iraqi government’s horrific attacks against protesters, and its complicit silence regarding the violence of paramilitary groups and militias killing, wounding and threatening the protesters. Iraqis have admirably continued to resist their subjugation over the course of decades of hardship. We urge all those responsible — within and outside Iraq’s borders — to be held accountable not only for these individual attacks, but for upholding the broader powers and policies under which Iraqis continue to suffer. We stand in solidarity with the resilient people of Iraq.